Monthly Archives

August 2018

art & culture, family, friends, history

Eine Autobiographie?

In den vergangenen Tagen taucht zweimal das Wort Autobiographie auf. “Du solltest langsam daran denken, eine Autobiographie zu schreiben”, meint der Mann, er am längsten zu meinem Leben gehört. Und der Satz in meinem Volksopern-Buch “Ich bin froh, Schwedisch zu beherrschen und mich auf diesem Wege dem Menschen Hans Holewa annähern zu können.” veranlasst den Mann, der immerhin auch schon 20 Jahre zu meinem Leben gehört, zu der Aussage: “Der Satz gehört in deine Autobiographie.” Was für eine eigenartige Idee. Das schreiben doch nur alte Leute am Ende ihres Lebens. Und ich hoffe doch, dass ich noch das ein oder andere erleben darf. Dennoch stimmt mich dieser Gedanke nachdenklich, denn ich habe tatsächlich viel erlebt in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Bin unglaublich spannenden Menschen begegnet, geplant und per Zufall. Habe großartige Situationen erlebt – und meine Familie und Freunde sind überzeugt, dass es keine Zufälle gibt. Ich kenne tatsächlich sehr viele Menschen und liebe es, sie zusammenzubringen. Doch kann es auch zuviel werden: Letzten Herbst war ich mit meiner Nichte Veronika im Akademietheater – nicht wissend, dass es die Vorstellung für die Freunde des Burgtheaters war. Und ich habe wirklich sehr viele Leute gekannt. Nach dem Ende der Vorstellung meinte Veronika in ihrer berechtigten Verzweiflung: “Das nächste Mal nur mit Burka.” Mittlerweile ein geflügeltes Wort in unserer Familie.

Ich beginne jetzt gar nicht, alle Zufälle aufzuzählen – denn dann wird wirklich eine Autobiographie daraus. Und dafür bin ich einfach noch zu jung.

family, friends, history, sommerfrische

Sommerfrische. Einst wie jetzt.

Ein Tag wie zur Zeit meiner Urgroßeltern.
Plötzlich wird mir bewusst, dass wir hier in St. Gilgen tatsächlich ein Relikt der Sommerfrische sind. Meine Urgroßmutter Lilly verbrachte den Sommer gemeinsam mit den Cousinen ihres Mannes: Ida und Anna. Sie unterhielten sich bei selbstgebackenem Kuchen, machten Ausflüge, verbrachten Zeit miteinander.
Und heute sitzen die Nachkommen von Lilly, Ida und Anna wieder zusammen bei Zwetschkenfleck, Tee und Kaffee – und es wird mir bewusst, dass wir wohl eine Insel der Sommerfrische darstellen. Denn diese bedeutet vor allem Familie und Freunde. Das macht den Geist der Sommerfrische aus. Die Großfamilie verbringt den Sommer gemeinsam, Geschwister, Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, Kinder, Nichte und Neffen. Wir hier in St. Gilgen pflegen die Tradition jeden Tag zwischen Juni und September – und oft auch außerhalb der Sommermonate. Wir sind eine große Familie zwischen St. Gilgen und Wien – die Unterschiede verschwimmen, die große und für alle kaum zu durchschauende Familie prägt das Leben, die Beziehungen, die Gefühle. Bis heute.
Unsere Vorfahrinnen haben die Tradition gepflegt – in St. Gilgen wie in Wien. 1934 hat meine Urgroßmutter Lilly der St. Gilgner Sommerfrische in Gedichtform ein Denkmal gesetzt.
Zum Jubiläum der Gilgner Jause. Gedicht von Lilly Jehle, ca. 1934

Ich weiß nicht, ob Ihr alle wisst
Dass jetzt ein Jubiläum ist.
Zehn Jahre sind’s, seit wir besprochen
Dass wir uns jede zweite Wochen
Vereinen sollen bei der Jause
Und stets in einem andern Hause
Uns treffen und zu guter Stunde
In fröhlich heitrer Tafelrunde
Zu plaudern, essen und zu nähen
Und immer wieder uns zu sehen.

Kurz sind die schönen Sommerwochen,
So haben damals wir besprochen
Die wir in Gilgen froh verbringen.
So wollen wir vor allen Dingen
Uns auch im Winter nicht verlieren
Und unsere Freundschaft weiterführen.
Erst war zwar unser Kreis noch klein
Doch wachsend wie die Negerlein
Sind wir jetzt neun so nette Damen
Ich nenne Euch jetzt gleich die Namen
Damit Ihr Eich daran ergötzt
In Jubelstimmung Euch versetzt.

Als erste naht jetzt froh und heiter
Stets unsre Mizzi Kaschenreuther.
Gar pünktlich ist sie in dem Hause
Wo man vereint zur Gilgner Jause
Und bei der Hände fleißig Tun
Lässt sie ihr Zünglein auch nicht ruhn.
Mit Stolz und mit geheimen Neid
Sind wir zu hören stets bereit
Wie’s Ihr als Dolmetsch ist ergangen
Wie sie auf englisch unbefangen
Und nur so aus dem Ärmel schüttelt
Was andern den Verstand zerrüttet.
Sie ist ein wahrhaft guter Freund.
Mit ihr an Pünktlichkeit vereint
Ist Lilly Greger auch zur Stell
Entfaltet ihre Arbeit schnell
Und unter amüsiertem Lachen
Da werkt sie, dass die Finger krachen
Zeigt immer wieder stolz beglückt
Der Mimi, wie man Fersen stricht
Und bringt als „Süßer Mädelbote“
In unseren Kreis die Wiener Note.

Ganz schlank und zur Sylphid erhoben
Kommt jetzt die Gretl Pauls geschoben

Ganz schüchtern, weil man sich geniert
Fragt man: Hast Du vielleicht chauffiert?
Vor Neid tät man die Haar sich raufen
Hört man: Nein, ich bin Schigelaufen.

Auch trägt sie stets, darauf ich wette,
Was man gern selbst am Leibe hätte.

Doch wer kommt da in unsre Mitten
Auf Pegasus dem Ross geritten?
Wem leuchtet von der Denkerstirn
Der Dichterkranz auf dem Gehirn?
Ja Putzi Du in diesem Raum?
Wir trauen unseren Augen kaum.
Du kommst aus Deinem Dichterhimmel
Zum Gilgner Jausentratschgewimmel?
Oh Putzi, lieber Pauli Muck
Lass doch uns Weiber, acht an Stuck
Einmal im Tagblatt aufmaschieren
Darfst Dich so viel Du willst mokieren.

Hoch lasst mich meine Leier schwingen
Die heutige Hausfrau zu besingen.
Doch stört sie nicht die Gute, Liebe
Es sprossen ihr Johannestriebe
Schwarz ist er, ach und schön und jung
Weckt rasende Begeisterung.
Doch wie ihr unsre Ida kennt
Streicht ruhig ab fünfzig Perzent.
Doch wollen wir nicht den kleinsten Bissen
Von ihrem Temperament vermissen
Wir ihr die Schneiderin zur Qual
Zerkracht sie mit dem Personal
Ist sie die Ärmste von den Armen
Will sie uns selbst mit was erbarmen
Wir lieben sie bei Ernst und Scherz
So wie sie ist —– die Ida Herz!

Verspätet, aber elegant
Kommt die Marquet jetzt angerannt.
Ihr Kommen hat zunächst den Zweck
Zu sagen, dass sie gleich muss weg.
Was sollen wir da alle machen?
Das sind halt eben solche Sachen
Ist man so fesch und noch so jung
So hat man die Verabredung.
Ja, Mizzerl bleib so wie Du bist
Wenn auch Dein Bleiben kurz nur ist.

Jetzt kommt ein heikler Augenblick
Die eigne Schwester – Emmy Frick
Gilt es jetzt lobend zu besingen
Wie werd ich das wohl fertig bringen?
Nur loben, fällt mir gar nicht ein
Wie würden dann die andern schrein
Und tadeln kann ich auch nicht viel
Weil ich mir’s nicht verderben will.
Was hat sie nur vor uns voraus?
Sie hat zwei Enkerln schon im Haus
Sie kokettiert als Großmama
Und sitzt noch wie die Jüngste da
Mit …nzig Jahr und noch verliebt
In ihren Mann. Ob’s das noch gibt?

Wer tritt zuletzt zur Tür herein
Das kann doch nur die Mimi sein.
Doch sprechen wir nicht zu viel davon
Sie bringt uns eine Sensation.
Wie hat ihr Kochen Euch beglückt?
Wie haben die Schlangen Euch entzückt?
Und gar die Köchinnengeschichten
Die sie voll Witz weiß zu berichten!
Ja, ist die Mimi nicht im Hause
So ist gedämpft die Gilgner Jause
Es fehlt an Würze und an Witz
Das hat die Mimi im Besitz.

Jetzt bin ich wirklich sehr befangen
Ihr könnt doch nicht von mir verlangen
Ich soll noch Nummer neun bedichten!
Darauf müsst Ihr total verzichten.
Nehmt mich wie ich nun einmal bin
Mit allen meinen Fehlern hin
Und wisst: Ihr könnt mir voll vertrauen
Und fest auf meine Freundschaft bauen.
Nun lasst mich rasch zu Schlusse eilen
Bei jeder tat ich kurz verweilen
Ihr freundlich ein paar Worte schenken
Nun will des Ganzen ich gedenken.

Niemals ein Streit, stets Fried und Ruh
So ging’s bei unsrer Jause zu.
Wenn auch die Wogen unsrer Launen
Nicht immer leise taten raunen
So gaben Witz und Fröhlichkeit
Stets Öl in die Beredsamkeit.
Drum lasst uns hoffen alle neun
So mög es immer weiter sein
In guter und in schwerer Zeit
Sei unsre Freundschaft stets bereit.
Es bleibt nur ein zu sagen noch
Hebt alle Eure Tassen hoch
Auf weitere zehn Jahre – ohne Pause
Der Freundschaft und der Gilgner Jause.

Wir pflegen die Gilgner Jause nicht nur in Wien, sondern auch in Gilgen: Unsere Feste heißen „Gilgner Jause“ als Referenz an unsere Vorfahren. Wir wollen das selbe: Familie und Freunde zusammenzubringen, den Sommer gemeinsam zu genießen, Ausflüge zu machen, täglich ein Schnapserl um 6 Uhr zu trinken, Generationen zusammenzubringen, zu diskutieren, zu musizieren, zu spielen, zu kochen, zu schwimmen und zu genießen. Uns ist es gelungen, dieses Lebensgefühl am Leben zu erhalten – das ist Sommerfrische in der alten guten Tradition. Nicht nur bei großen Festen, sondern auch im Alltag – wie herrlich, dass alle Generationen sich hier einfinden, sich wohlfühlen, Sicherheit und Geborgenheit verspüren – das soll Familie ja auch bedeuten. Sommerfrische wie es sein soll.

art & culture, history

So viele vergessene Schicksale. Und jedes ist wertvoll.

14. August 2018: Heute, am 85. Hochzeitstag meiner Großeltern, der immer schon und bis heute eine besondere Bedeutung in unserer Familie hat, schließe ich das Buch über die vertriebenen Künstler der Volksoper ab. Eine wahre Tour de Force, 320.000 Zeichen in sechs Wochen als konzentrierte Verarbeitung aller Informationen, die in den vergangenen Monaten bei mir zusammengeflossen sind. Diese vergangenen Wochen waren wirklich sehr speziell – ich als so soziales Wesen bin unsichtbar geworden, habe bis auf meine eigenen Buchpräsentationen und mein eigenes Festival das Haus resp. den Garten nicht verlassen – und war und bin glücklich. Was für eine eigenartige Situation. Normalerweise bedeutet Sommer für mich viele Besuche und wenig Gegenbesuche, Freunde, Familie und Kinder, die den Garten, den See, das Haus bevölkern und der Sommerfrische erst die richtige Dynamik bringen. Nicht, dass die heuer alle fehlen, im Gegenteil. Doch ich fehle trotz meiner physischen Anwesenheit. Ich steige aus dem zweiten Stock herunter, um zehn Minuten zu frühstücken und mit Tee und Kaffee wieder zu entschwinden. Das wiederholt sich zu Mittag und am Abend. Ich koche fast nie – und trotzdem gibt es etwas zu essen. Ich springe oft in den See und lege mich nicht in die Sonne – weil es eh viel zu heiß ist. Ich, die große Bäckerin, backe ein einziges Mal einen Kuchen, der fast anrennt, denn ich sitze schon wieder vor dem Computer. Ich, die es liebt, am Abend Mah Jongg zu spielen, entfläuche und schreibe bis zwei Uhr Früh weiter. Jeden Tag, jede Nacht.

Bei meinen seltenen Aufenthalten im Freien spüre ich erst die Hitze, die mir im Haus verborgen bleibt – eigentlich ist meine Beschäftigung ideal, um diesen unfassbaren Sommer unbeschadet zu überstehen.

Heute um zwei Uhr Nachmittag schicke ich den Text ab – und sofort überfällt mich eine bleierne Müdigkeit. Der Körper reagiert rascher als der Geist auf Entspannung, die jedoch nicht lange anhalten darf. Denn nur eine Stunde später erfahre ich, dass ich um vier Uhr die Enkelin des Librettisten Julius Brammer in Bad Ischl treffen darf, was für eine Freude. Und die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Sie kommt mit ihrer Tochter Denisha. Und mir erfährt die Ehre, ihnen ein wenig den Bad Ischler Geist näherzubringen, ein Geist, vorerst voller Kreativität, Begeisterung und vieler Meisterwerke. 1938 wandelt sich dieser Geist in Hass, Neid, Missgunst und Diebstahl – und einmal mehr frage ich, wie das passieren kann. Julius und Rosemarie Brammer werden enteignet und flüchten nach Südfrankreich, wo Julius Brammers Leben am 18. April 1943 in dem mondänen Badeort Juan-les-Pins an der Côte d’Azur endet – der Lauf der Geschichte hat ihn an einen Ort vertrieben, der für andere Menschen der Inbegriff von elegantem Nichtstun ist, für Brammer hingegen bedeutet er den Verlust der Heimat und letztendlich des Lebens.

Seine Frau und Tochter überleben in Frankreich, versteckt in einem Nonnenkonvent, und gehen nach dem Krieg nach Amerika. Seine Enkelin und Urenkelin, die in San Francisco leben, kehren heute erstmals nach Bad Ischl zurück – in die Stadt, in der Julius so glücklich war, und begeben sich auf Spurensuche. Die einstige Villa Brammer kann wenigstens von außen betrachtet werden, die Villen der Freunde und Kollegen von Kálmán über Grünwald, Lehár und Straus zeigen den Besucherinnen die Stätten der Operetten-Erfolgsgeschichte. Ein Besuch der Ausstellung im Museum der Stadt Bad Ischl beschließt diesen Tag ganz im Zeichen der Operette, die Julius Brammer einst federführend mitgeprägt hat. Die Ausstellung besucht auch der Rotary-Club Bad Ischl, hat doch Franz Lehár die Rotary-Hymne anlässlich der Gründung des ersten Rotary-Clubs in Wien komponiert, unterstützt vom Star-Texter Fritz Löhner-Beda. Beim Abendessen des Rotary-Clubs sind auch Rosemarie und Denisha Gäste – und ich darf noch ein wenig über die Villen in Bad Ischl und am Attersee sprechen – das Interesse überwältigt mich einmal mehr.