art & culture, history, literature

Joe May alias Julius Mandl. Ein Filmpionier. Tagung in Hamburg.

Die Tage in Hamburg haben viele Gedankenanstöße gebracht. Die Tagung über Joe May hat einmal mehr deutlich gemacht, wie eng Film, Theater, Operette und Kabarett der Zwischenkriegszeit miteinander verknüpft sind – und eigentlich geht das noch viel weiter: Wenn in einem Film plötzlich Innenaufnahmen der Wiener Staatsoper gezeigt werden, erhalten diese Bilder auch architekturhistorische Bedeutung. Die Kostüme eines Faschingsballs, das Interieur von Bars und Wohnungen, das Verhalten und die spezielle Interaktion der Menschen, die Musik, die Bands samt Sängern etc – sie alle geben der theoretischen Forschung ein Gesicht, eine Stimmung, eine Atmosphäre – und genau dieser Aspekt gewinnt dadurch an so großer Bedeutung.

Die zunehmende Digitalisierung der Filme kann nur unterstützt werden – so können wir auch visuell in diese Zeit eintauchen.

Der Vorspann zu Arm wie eine Kirchenmaus ist ein herausragendes Dokument des Kabaretts: Fritz Grünbaum und Paul Morgan gestalten den Vorspann als geniale Doppelconference, die direkt in die Kabaretts von Wien und Berlin vor 1933 resp. 1938 führt und diese Kunstform plötzlich lebendig werden lässt. Was für ein Geschenk, solche Filmmomente erleben zu können.

Die Diskussionen bei der Tagung verlieren sich immer wieder auch im Detail – dazu gäbe es viel zu sagen, ein eigenes Dokument über die Gestaltung von Tagungen existiert parallel…

Doch ein Aspekt, der in all der akademischen Diskussion völlig untergeht und der leider in einer unsäglichen Tradition steht, fehlt: Die Filme mussten kommerziell erfolgreich sein – und da kann man noch so sehr über künstlerische Detailfragen diskutieren: Dies war der wichtigste Antrieb. Daher wurden eben keine Settings in der Gegenwart präferiert – denn die Gegenwart war düster und das Publikum wollte in eine bessere Welt entfliehen, um zwei Stunden lang Freude und Unbeschwertheit zu erleben.

Da kann jede theoretische Diskussion einpacken – denn der schnöde Mammon war vorherrschend.

Natürlich sind Details zur technischen, künstlerischen und innovativen Umsetzung interessant und spannend – doch der kommerzielle Hauptmotor treibt alles an – offenbar ist diese Realität sogar noch heutzutage im Jahr 2018 so manchem unheimlich. Doch so war und ist die Lage der Unterhaltungsbranche. Hit oder Flop – das entscheidet sich rasch.

 

art & culture, friends, history, literature

Die „Hölle“. Das ist eine ganz eigene Erfahrung…

Das Theater und Kabarett “Die Hölle” im Souterrain des Theaters an der Wien. Das große Werk von Georg Wacks, dem die Ideen nicht ausgehen und der staunendmachende Shows auf die Bühne bringt. Herrliche Schmonzetten, teilweise jenseits des Bon Ton, aber trotzdem nie peinlich. Naja, fast halt. Große Lieder, groteske Texte, fabelhafte Kostüme, verrückte Regieeinfälle, immer etwas clownesk, schräg und schrill. Und immer liebevoll und mit Riesenspaß. Wie herrlich, ein kleiner Teil des Ganzen sein zu dürfen. Es ist heuer meine zehnte Ausstellung in der „Hölle“ und bereits die zwölfte zum Thema Jüdisches Kabarett – unglaublich. Begonnen hat alles 2009 im Theater Leo, wo wir Jüdische Wochen veranstaltet haben und ich dazu eine erste Ausstellung gestaltet habe, vorerst nur mit einigen Plots. 2010 folgte dann das erste Programm in der „Hölle“ mit meiner ersten Ausstellung – wird hatten damals noch nicht so richtig an viele Fortsetzungen geglaubt, daher hab ich billige Ikea-Rahmen gekauft, die den Vorteil hatten, sehr leicht zu sein, und habe selbst Plots gelayoutet – das mache ich heuer, im Jahr 2018 noch immer – und die Rahmen halten erstaunlicherweise nach wie vor.
Zehn Ausstellungen ohne Budget, mit viel Phantasie zum immer selben Thema – das muss man einmal schaffen. Ich erinnere mich an eine Ausstellung vor einigen Jahren, also die damals vielleicht 13-jährige Veronika staunend durchgegangen ist und gesagt hat: „Resa, Du hast hier ja Deinen ganzen Hausrat ausgestellt.“ Stimmt: Mein Fundus ist groß und ich finde immer wieder passende Objekte, die ich mit der richtigen Geschichte versorgen kann. Legendär sind die Locke von Carli Nagelmüller oder auch Fritz Grünbaums Zigarre. Lorgnons, Champagnergläser, silbrige Vasenverzierungen, Deckerl aller Arten, Fächer, Hüte etc. regen meine Phantasie an – und so wird es eine Ausstellung zwischen Wahrheit und Dichtung, die heuer 2018 erstmals endlich einen richtigen Namen bekommen hat: Satire-Ausstellung nennt sie der Standard-Journalist Wojtek Czaja. Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Meine Trump-Vitrine 2017 hat alles in den Schatten gestellt. „From hell to hell“ sollte sie heißen – und niemand hat geglaubt, dass ich die Wahrheit sage. Das ist die Kunst der Satire – man weiß nie, was wahr ist oder eben nicht.
Das Thema allein birgt so viele Facetten. Vitrinen entstanden über die Entstehung der Hölle, Diseusen und Bad Ischl, Zensur, Musik, Exil, Shanghai, Ungarn und Schweden, Oscar Schlemmer und Oscar Straus, Bruno Granichstaedten, Familie Natzler, Sport, Lesben, Hazardspiele, Wiener Lied, Dada, Mickey Mouse, Das rote Meer, Skandalkonzert, Künstlerinnen etc.
Und die Ideen gehen uns nicht aus – schon sind wir für die 11. Produktion engagiert – was für eine Freude und zugleich Herausforderung, welche Details in Szene gesetzt werden können.

art & culture, history

Ein kurzer Blick auf osteuropäische Friedhöfe!

Der Friedhof in Eibenschitz hat uns überrascht: So enorm, so groß, so gut erhalten. Eine Freude, dies zu sehen! Und auch das Grab von Guido Adlers Vater zu finden – Guido Adler zählt zu den Helden meiner Studienzeit, denn er begründete das Wiener Institut für Musikwissenschaft – und seine Bücher habe ich genauestens studiert!
Mährisch-Krumau: Eine Stadt mit einer wilden Geschichte: Türkeneinfälle 1683, Seuchen, Hochwasser, später dann auch noch Napoleon, dann noch die Cholera, Nazis, Vernichtung der Juden, ein Luftangriff durch die Sowjets, die gleich Zweidrittel der Stadt in Schutt und Asche legten…
Das alles ist uns heut durch den Kopf gegangen, als wir dieses kleine Städtchen mit einem ausgesprochen gut erhaltenen resp. wiedererrichteten jüdischen Friedhof besucht haben. Das riesige Schloss – Liechtenstein, dann Kinsky – ist in schrecklichem Zustand, nach wie vor die Folgen des Kommunismus.
In Mißlitz gab es bereits im 15. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde, die zeitweise die Hälfte der Bevölkerung ausmachte. Denn 1454 wurden alle Juden aus Olmütz, Brünn, Znaim, Iglau und Neustadt vertrieben, viele fanden Zuflucht in Mißlitz. Aber auch hier wüteten die Schweden während des 30-jährigen Krieges, dann später die Franzosen unter Napoleon, aber auch Seuchen wie die sprichwörtlichen Pest und Cholera suchten die Stadt heim. Nazis, Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, kommunistisches Bombardement, Kommunisten – auch keine sehr einfache Geschichte.

art & culture, family

Erholungsreise nach Stockholm

Beim Verlassen meines Zimmers in St. Gilgen wird mir bewusst, dass ich dieses sechs Wochen nicht verlassen hab, jedenfalls nicht mental. Natürlich war ich auch in der Küche, im Garten, im See, aber immer versponnen in meinen Gedanken, in meinen Geschichten, niemals bereit für anderes. Das macht nichts, denn nur so kann etwas Neues entstehen. Und ich bin fertig geworden. Es war eine wunderbare, bereichernde, berührende Arbeit, die neue Türen geöffnet und so großartige Begegnungen ermöglicht hat.
Um ein wenig Abstand und auch Erholung zu gewinnen, gehe ich an den Ort, der mir vertraut ist, wo ich allein sein kann, aber nicht muss, wo ich was anschauen kann, aber nicht muss, wo ich meine Lieblingsorte hab und vor allem meine Familie: Stockholm.
Und es ist wirklich eine meiner besten Ideen, hierher zu fahren. Ohne Stress, ohne Eile. Hie,r bei meiner sehr entspannten Schwester und ihrem Mann gehen die Uhren anders. Gemächlich, voller interessanter Gespräche, mit einem Gintonic als Begrüßung und einem gemütlichen unkomplizierten Abendessen. Und plötzlich hab ich nicht mehr das Bedürfnis, bis 2 Uhr früh aufzubleiben, sondern gehe zu einer normalen Zeit ins Bett, lese etwas und spüre, dass ich wieder in meinen alten Rhythmus finde. Auch der Wechsel der Sprache tut das Seine dazu – es ist natürlich anstrengender, aber zugleich auch eine Möglichkeit, aus dem Trott auszusteigen.
Das Herrliche ist hier die Gelassenheit.
Wahltag. Das Wahllokal ist im Erdgeschoss unseres Hauses, vor dem tatsächlich Aktivisten aller Parteien stehen und Material verteilen – also ob man in letzter Minute tatsächlich noch eine Entscheidung verändern kann. Ich darf bis in die Wahlzelle mitgehen – in Österreich wäre das ganz unmöglich. Und ich lerne, dass hier alle Wahlen gleichzeitig sind: National, Land, Gemeinde. Interessanterweise wählt meine Schwester dreimal unterschiedlich – aber ich fürchte, dass dieses differenzierte Denken eher ungewöhnlich ist. Der Tag plätschert dahin, meine Nichte kommt mit Familie, dann wandern wir in die Stadt – denn alle Geschäfte sind offen. Ich komm mir wie seit meiner Kindheit vor, als ob ich aus dem Ostblock komm… Endlich kann ich einmal in Ruhe bißl einkaufen – auch ein Zeichen des normalen Lebens.
Dann kommt mein Bruder samt Tochter und Mini-Enkelbuben – sehr süß, aber alle sind so auf die Kinder konzentriert – typisch schwedisch –, dass kein Gespräch möglich ist. Macht nix, ich bin eh so müd und lass schwedische Kinderlieder an mir vorbeiziehen.
Die Wahl bringt genau das, was ich und alle rundherum befürchtet haben. Warum soll es hier besser sein als bei uns. Eine meine Nichten ist diese Woche unabsichtlich in einer Neo-Nazi-Demo geraten, hat ein Video gemacht, das 1. Mio (!) Mal auf Facebook angeschaut wurde und hat sofort Drohungen bekommen. Entsetzlich. So werden auch hier die Extremrechten mitregieren – eine andere Möglichkeit gibt es gar nicht, da es keine Tradition der Zusammenarbeit à la Große Koalition gibt – auch wenn ich diese bei uns als überholt ansehe. Hier wäre es etwas ganz Neues und wert, es zu probieren.

art & culture, family, friends, history

Eine Autobiographie?

In den vergangenen Tagen taucht zweimal das Wort Autobiographie auf. “Du solltest langsam daran denken, eine Autobiographie zu schreiben”, meint der Mann, er am längsten zu meinem Leben gehört. Und der Satz in meinem Volksopern-Buch “Ich bin froh, Schwedisch zu beherrschen und mich auf diesem Wege dem Menschen Hans Holewa annähern zu können.” veranlasst den Mann, der immerhin auch schon 20 Jahre zu meinem Leben gehört, zu der Aussage: “Der Satz gehört in deine Autobiographie.” Was für eine eigenartige Idee. Das schreiben doch nur alte Leute am Ende ihres Lebens. Und ich hoffe doch, dass ich noch das ein oder andere erleben darf. Dennoch stimmt mich dieser Gedanke nachdenklich, denn ich habe tatsächlich viel erlebt in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Bin unglaublich spannenden Menschen begegnet, geplant und per Zufall. Habe großartige Situationen erlebt – und meine Familie und Freunde sind überzeugt, dass es keine Zufälle gibt. Ich kenne tatsächlich sehr viele Menschen und liebe es, sie zusammenzubringen. Doch kann es auch zuviel werden: Letzten Herbst war ich mit meiner Nichte Veronika im Akademietheater – nicht wissend, dass es die Vorstellung für die Freunde des Burgtheaters war. Und ich habe wirklich sehr viele Leute gekannt. Nach dem Ende der Vorstellung meinte Veronika in ihrer berechtigten Verzweiflung: “Das nächste Mal nur mit Burka.” Mittlerweile ein geflügeltes Wort in unserer Familie.

Ich beginne jetzt gar nicht, alle Zufälle aufzuzählen – denn dann wird wirklich eine Autobiographie daraus. Und dafür bin ich einfach noch zu jung.

family, friends, history, sommerfrische

Sommerfrische. Einst wie jetzt.

Ein Tag wie zur Zeit meiner Urgroßeltern.
Plötzlich wird mir bewusst, dass wir hier in St. Gilgen tatsächlich ein Relikt der Sommerfrische sind. Meine Urgroßmutter Lilly verbrachte den Sommer gemeinsam mit den Cousinen ihres Mannes: Ida und Anna. Sie unterhielten sich bei selbstgebackenem Kuchen, machten Ausflüge, verbrachten Zeit miteinander.
Und heute sitzen die Nachkommen von Lilly, Ida und Anna wieder zusammen bei Zwetschkenfleck, Tee und Kaffee – und es wird mir bewusst, dass wir wohl eine Insel der Sommerfrische darstellen. Denn diese bedeutet vor allem Familie und Freunde. Das macht den Geist der Sommerfrische aus. Die Großfamilie verbringt den Sommer gemeinsam, Geschwister, Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, Kinder, Nichte und Neffen. Wir hier in St. Gilgen pflegen die Tradition jeden Tag zwischen Juni und September – und oft auch außerhalb der Sommermonate. Wir sind eine große Familie zwischen St. Gilgen und Wien – die Unterschiede verschwimmen, die große und für alle kaum zu durchschauende Familie prägt das Leben, die Beziehungen, die Gefühle. Bis heute.
Unsere Vorfahrinnen haben die Tradition gepflegt – in St. Gilgen wie in Wien. 1934 hat meine Urgroßmutter Lilly der St. Gilgner Sommerfrische in Gedichtform ein Denkmal gesetzt.
Zum Jubiläum der Gilgner Jause. Gedicht von Lilly Jehle, ca. 1934

Ich weiß nicht, ob Ihr alle wisst
Dass jetzt ein Jubiläum ist.
Zehn Jahre sind’s, seit wir besprochen
Dass wir uns jede zweite Wochen
Vereinen sollen bei der Jause
Und stets in einem andern Hause
Uns treffen und zu guter Stunde
In fröhlich heitrer Tafelrunde
Zu plaudern, essen und zu nähen
Und immer wieder uns zu sehen.

Kurz sind die schönen Sommerwochen,
So haben damals wir besprochen
Die wir in Gilgen froh verbringen.
So wollen wir vor allen Dingen
Uns auch im Winter nicht verlieren
Und unsere Freundschaft weiterführen.
Erst war zwar unser Kreis noch klein
Doch wachsend wie die Negerlein
Sind wir jetzt neun so nette Damen
Ich nenne Euch jetzt gleich die Namen
Damit Ihr Eich daran ergötzt
In Jubelstimmung Euch versetzt.

Als erste naht jetzt froh und heiter
Stets unsre Mizzi Kaschenreuther.
Gar pünktlich ist sie in dem Hause
Wo man vereint zur Gilgner Jause
Und bei der Hände fleißig Tun
Lässt sie ihr Zünglein auch nicht ruhn.
Mit Stolz und mit geheimen Neid
Sind wir zu hören stets bereit
Wie’s Ihr als Dolmetsch ist ergangen
Wie sie auf englisch unbefangen
Und nur so aus dem Ärmel schüttelt
Was andern den Verstand zerrüttet.
Sie ist ein wahrhaft guter Freund.
Mit ihr an Pünktlichkeit vereint
Ist Lilly Greger auch zur Stell
Entfaltet ihre Arbeit schnell
Und unter amüsiertem Lachen
Da werkt sie, dass die Finger krachen
Zeigt immer wieder stolz beglückt
Der Mimi, wie man Fersen stricht
Und bringt als „Süßer Mädelbote“
In unseren Kreis die Wiener Note.

Ganz schlank und zur Sylphid erhoben
Kommt jetzt die Gretl Pauls geschoben

Ganz schüchtern, weil man sich geniert
Fragt man: Hast Du vielleicht chauffiert?
Vor Neid tät man die Haar sich raufen
Hört man: Nein, ich bin Schigelaufen.

Auch trägt sie stets, darauf ich wette,
Was man gern selbst am Leibe hätte.

Doch wer kommt da in unsre Mitten
Auf Pegasus dem Ross geritten?
Wem leuchtet von der Denkerstirn
Der Dichterkranz auf dem Gehirn?
Ja Putzi Du in diesem Raum?
Wir trauen unseren Augen kaum.
Du kommst aus Deinem Dichterhimmel
Zum Gilgner Jausentratschgewimmel?
Oh Putzi, lieber Pauli Muck
Lass doch uns Weiber, acht an Stuck
Einmal im Tagblatt aufmaschieren
Darfst Dich so viel Du willst mokieren.

Hoch lasst mich meine Leier schwingen
Die heutige Hausfrau zu besingen.
Doch stört sie nicht die Gute, Liebe
Es sprossen ihr Johannestriebe
Schwarz ist er, ach und schön und jung
Weckt rasende Begeisterung.
Doch wie ihr unsre Ida kennt
Streicht ruhig ab fünfzig Perzent.
Doch wollen wir nicht den kleinsten Bissen
Von ihrem Temperament vermissen
Wir ihr die Schneiderin zur Qual
Zerkracht sie mit dem Personal
Ist sie die Ärmste von den Armen
Will sie uns selbst mit was erbarmen
Wir lieben sie bei Ernst und Scherz
So wie sie ist —– die Ida Herz!

Verspätet, aber elegant
Kommt die Marquet jetzt angerannt.
Ihr Kommen hat zunächst den Zweck
Zu sagen, dass sie gleich muss weg.
Was sollen wir da alle machen?
Das sind halt eben solche Sachen
Ist man so fesch und noch so jung
So hat man die Verabredung.
Ja, Mizzerl bleib so wie Du bist
Wenn auch Dein Bleiben kurz nur ist.

Jetzt kommt ein heikler Augenblick
Die eigne Schwester – Emmy Frick
Gilt es jetzt lobend zu besingen
Wie werd ich das wohl fertig bringen?
Nur loben, fällt mir gar nicht ein
Wie würden dann die andern schrein
Und tadeln kann ich auch nicht viel
Weil ich mir’s nicht verderben will.
Was hat sie nur vor uns voraus?
Sie hat zwei Enkerln schon im Haus
Sie kokettiert als Großmama
Und sitzt noch wie die Jüngste da
Mit …nzig Jahr und noch verliebt
In ihren Mann. Ob’s das noch gibt?

Wer tritt zuletzt zur Tür herein
Das kann doch nur die Mimi sein.
Doch sprechen wir nicht zu viel davon
Sie bringt uns eine Sensation.
Wie hat ihr Kochen Euch beglückt?
Wie haben die Schlangen Euch entzückt?
Und gar die Köchinnengeschichten
Die sie voll Witz weiß zu berichten!
Ja, ist die Mimi nicht im Hause
So ist gedämpft die Gilgner Jause
Es fehlt an Würze und an Witz
Das hat die Mimi im Besitz.

Jetzt bin ich wirklich sehr befangen
Ihr könnt doch nicht von mir verlangen
Ich soll noch Nummer neun bedichten!
Darauf müsst Ihr total verzichten.
Nehmt mich wie ich nun einmal bin
Mit allen meinen Fehlern hin
Und wisst: Ihr könnt mir voll vertrauen
Und fest auf meine Freundschaft bauen.
Nun lasst mich rasch zu Schlusse eilen
Bei jeder tat ich kurz verweilen
Ihr freundlich ein paar Worte schenken
Nun will des Ganzen ich gedenken.

Niemals ein Streit, stets Fried und Ruh
So ging’s bei unsrer Jause zu.
Wenn auch die Wogen unsrer Launen
Nicht immer leise taten raunen
So gaben Witz und Fröhlichkeit
Stets Öl in die Beredsamkeit.
Drum lasst uns hoffen alle neun
So mög es immer weiter sein
In guter und in schwerer Zeit
Sei unsre Freundschaft stets bereit.
Es bleibt nur ein zu sagen noch
Hebt alle Eure Tassen hoch
Auf weitere zehn Jahre – ohne Pause
Der Freundschaft und der Gilgner Jause.

Wir pflegen die Gilgner Jause nicht nur in Wien, sondern auch in Gilgen: Unsere Feste heißen „Gilgner Jause“ als Referenz an unsere Vorfahren. Wir wollen das selbe: Familie und Freunde zusammenzubringen, den Sommer gemeinsam zu genießen, Ausflüge zu machen, täglich ein Schnapserl um 6 Uhr zu trinken, Generationen zusammenzubringen, zu diskutieren, zu musizieren, zu spielen, zu kochen, zu schwimmen und zu genießen. Uns ist es gelungen, dieses Lebensgefühl am Leben zu erhalten – das ist Sommerfrische in der alten guten Tradition. Nicht nur bei großen Festen, sondern auch im Alltag – wie herrlich, dass alle Generationen sich hier einfinden, sich wohlfühlen, Sicherheit und Geborgenheit verspüren – das soll Familie ja auch bedeuten. Sommerfrische wie es sein soll.

art & culture, history

So viele vergessene Schicksale. Und jedes ist wertvoll.

14. August 2018: Heute, am 85. Hochzeitstag meiner Großeltern, der immer schon und bis heute eine besondere Bedeutung in unserer Familie hat, schließe ich das Buch über die vertriebenen Künstler der Volksoper ab. Eine wahre Tour de Force, 320.000 Zeichen in sechs Wochen als konzentrierte Verarbeitung aller Informationen, die in den vergangenen Monaten bei mir zusammengeflossen sind. Diese vergangenen Wochen waren wirklich sehr speziell – ich als so soziales Wesen bin unsichtbar geworden, habe bis auf meine eigenen Buchpräsentationen und mein eigenes Festival das Haus resp. den Garten nicht verlassen – und war und bin glücklich. Was für eine eigenartige Situation. Normalerweise bedeutet Sommer für mich viele Besuche und wenig Gegenbesuche, Freunde, Familie und Kinder, die den Garten, den See, das Haus bevölkern und der Sommerfrische erst die richtige Dynamik bringen. Nicht, dass die heuer alle fehlen, im Gegenteil. Doch ich fehle trotz meiner physischen Anwesenheit. Ich steige aus dem zweiten Stock herunter, um zehn Minuten zu frühstücken und mit Tee und Kaffee wieder zu entschwinden. Das wiederholt sich zu Mittag und am Abend. Ich koche fast nie – und trotzdem gibt es etwas zu essen. Ich springe oft in den See und lege mich nicht in die Sonne – weil es eh viel zu heiß ist. Ich, die große Bäckerin, backe ein einziges Mal einen Kuchen, der fast anrennt, denn ich sitze schon wieder vor dem Computer. Ich, die es liebt, am Abend Mah Jongg zu spielen, entfläuche und schreibe bis zwei Uhr Früh weiter. Jeden Tag, jede Nacht.

Bei meinen seltenen Aufenthalten im Freien spüre ich erst die Hitze, die mir im Haus verborgen bleibt – eigentlich ist meine Beschäftigung ideal, um diesen unfassbaren Sommer unbeschadet zu überstehen.

Heute um zwei Uhr Nachmittag schicke ich den Text ab – und sofort überfällt mich eine bleierne Müdigkeit. Der Körper reagiert rascher als der Geist auf Entspannung, die jedoch nicht lange anhalten darf. Denn nur eine Stunde später erfahre ich, dass ich um vier Uhr die Enkelin des Librettisten Julius Brammer in Bad Ischl treffen darf, was für eine Freude. Und die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Sie kommt mit ihrer Tochter Denisha. Und mir erfährt die Ehre, ihnen ein wenig den Bad Ischler Geist näherzubringen, ein Geist, vorerst voller Kreativität, Begeisterung und vieler Meisterwerke. 1938 wandelt sich dieser Geist in Hass, Neid, Missgunst und Diebstahl – und einmal mehr frage ich, wie das passieren kann. Julius und Rosemarie Brammer werden enteignet und flüchten nach Südfrankreich, wo Julius Brammers Leben am 18. April 1943 in dem mondänen Badeort Juan-les-Pins an der Côte d’Azur endet – der Lauf der Geschichte hat ihn an einen Ort vertrieben, der für andere Menschen der Inbegriff von elegantem Nichtstun ist, für Brammer hingegen bedeutet er den Verlust der Heimat und letztendlich des Lebens.

Seine Frau und Tochter überleben in Frankreich, versteckt in einem Nonnenkonvent, und gehen nach dem Krieg nach Amerika. Seine Enkelin und Urenkelin, die in San Francisco leben, kehren heute erstmals nach Bad Ischl zurück – in die Stadt, in der Julius so glücklich war, und begeben sich auf Spurensuche. Die einstige Villa Brammer kann wenigstens von außen betrachtet werden, die Villen der Freunde und Kollegen von Kálmán über Grünwald, Lehár und Straus zeigen den Besucherinnen die Stätten der Operetten-Erfolgsgeschichte. Ein Besuch der Ausstellung im Museum der Stadt Bad Ischl beschließt diesen Tag ganz im Zeichen der Operette, die Julius Brammer einst federführend mitgeprägt hat. Die Ausstellung besucht auch der Rotary-Club Bad Ischl, hat doch Franz Lehár die Rotary-Hymne anlässlich der Gründung des ersten Rotary-Clubs in Wien komponiert, unterstützt vom Star-Texter Fritz Löhner-Beda. Beim Abendessen des Rotary-Clubs sind auch Rosemarie und Denisha Gäste – und ich darf noch ein wenig über die Villen in Bad Ischl und am Attersee sprechen – das Interesse überwältigt mich einmal mehr.

art & culture, history

Forschungsreise nach North Carolina und New York.

Ein Ausflug in die Subtropen

North Carolina. Der Laie denkt beim Wort “North“ an Berge und kühle Luft – weit gefehlt. Plötzlich lande ich in den Subtropen, bei 35 Grad und 70 % Luftfeuchtigkeit. Und verstehe, warum es überall Aircondition gibt.
Auch für die Emigranten muss das eine große Umstellung gewesen sein, aus Österreich in dieses Klima zu kommen. Doch ist es unglaublich grün, die Zikaden zirpen, die Frösche quaken, eine Idylle mitten im Wald bei Cindy und Stephen Rayburn, die so überhaupt keinem amerikanischen Klischee entsprechen. Sie ist Historikerin, Genealogin und Lehrerin, er Chemiker – old school. Gebildet, weitgereist, interessiert, offen, traditionsbewusst. Plötzlich wird mir die Bedeutung der amerikanischen Revolution klar – das ist der Punkt, der das Land selbstbewusst zusammenhält. Revolutionäre in der Familie zu haben, erfüllt Cindy mit Stolz – und sie erzählt mir von den Daughters of the American Revolution, eine Organisation, die ich nur aus „Gilmore Girls“ kenne… – so haben auch Serien ihren Sinn! Es ist eine große Ehre, diesen anzugehören, denn es bedeutet, dass man von mindestens einem Patrioten abstammt. Sehr viel Nationalstolz schwingt da mit, aber kein Nationalismus, das ist der große Unterschied. Und sehr viel weibliches Selbstbewusstsein, den die DRA besitzt in jeder großen amerikanischen Stadt einen Block.
Wir diskutieren über Politik, Veränderungen, Verantwortungsbewusstsein, Erziehung und Werte – und mir wird bewusst, dass ich solche Gespräche in Amerika eher nicht erwarte und daher doppelt dankbar bin, in einem so kultivierten Umfeld Gast sein zu dürfen.
Und ich erfahre vieles über Elissa, bevor ich ihr überhaupt begegne. Sie war Cindys und Stephens Tochter Stephanys Tanzlehrerin und Cindy meint, dass Stephany Elissas Leben wiederholt – was für ein interessanter Aspekt. 16 Tonbänder hat Elissa bereits mit ihren Erinnerungen gefüllt, alles ist transkribiert. Und doch berühren meine Fragen Themen und Menschen, die sie in dieser Form bis jetzt nicht erzählt hat. Sie sei ziemlich bossy, meint Cindy. Und sie weiß genau, was sie will und eben nicht. Sie legt Wert auf ordentliches Aussehen – ich hab das geahnt und viele Ketten, Blusen und Röcke mit. Eine Dame, die mir gefällt.

We met at the Met
Heute hab ich endlich Elissa getroffen. Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. Was für eine Dame! Im April hat sie sich den Oberschenkelhals gebrochen und ist daher momentan nicht in ihrem Appartement, sondern in der Pflegestation von Friends Home West Greensboro – eine Seniorenresidenz. Doch treffen wir einander in ihrem Appartement, umgeben von Photos und Erinnerungen. Und von ihrem Hochzeitskleid, das ihre Schwiegermutter 1949 aus goldenem Garn gestrickt hat. Ja, ihre Schwiegermutter. Das führt gleich zu ihrem Ehemann Peter Paul Fuchs, der seine Karriere an der Volksoper begonnen hat. Kaum 20 Jahre alt wird er als Korrepetitor und Chordirigent engagiert – und verdient sich erste Sporen.
Seine Flucht führt ihn nach Italien und die Schweizer Grenze – doch dort warten bereits Scharfmacher – und er hat unendliches Glück, über die Grenze zu gelangen. Am 21. Dezember 1938 trifft er von Southhampton kommend ohne seine frischgebackene Frau Anna Louise Granichstaedten ein, sie kommt erst 1941 in New York von Lissabon kommend an. Eine Frau, die er aus Wien kannte und in London wiedertraf. Gegen den Willen seiner Eltern heiratet er sie – und man kann sich den Grund dafür vorstellen: Allein und entwurzelt bietet dieses Mädchen ein gewisses Gefühl an Heimat. Doch à la longue reicht dies nicht für eine Ehe, die gemeinsamen Jahre sind unglücklich, obwohl zwei Buben hervorgehen. Das sentimentale Festhalten an der Vergangenheit ist doch zu wenig für eine Ehe auf Augenhöhe. Doch aus der Zeit heraus betrachtet ist diese Eheschließung verständlich – ein wenig Sicherheit in Zeiten der enormen Unsicherheit.
In New York ist die Met erste Anlaufstation und viele der geflüchteten Musiker finden hier einen Job, jedenfalls für den Anfang, als Sprungbrett – und daraus ergeben sich lebenslange Verbindungen. Kurt Herbert Adler, Walter Herbert, Walter Taussig, Laszlo Halasz, Fritz Striedry und eben auch Peter Paul Fuchs kennen einander von der Volksoper und treffen sich nun wieder an der Met, um von hier aus ihre unterschiedlichen, aber immer höchst erfolgreichen Karrieren zu starten.
Man ist versucht zu sagen, dass sie das Land kulturell kolonialisieren.
Sightseeing
Der zweite Tag startet mit einer animierten Diskussion beim Frühstück – ich habe es doch gewagt, die aktuelle politische Situation aufs Tapet zu bringen. Und tatsächlich: Cindy ist Republikanerin, was mir nach den vielen patriotischen Gesprächen klar war, Stephen jedoch ist Demokrat. Was für eine schwierige Situation, doch man kann auch etwas daraus lernen: Sie respektieren die unterschiedlichen Ansichten des anderen, diskutieren, aber streiten nicht. Erstaunlich.
Es folgt ein Anruf von Lore Taussigs Tochter Lynn, die mir sagt, dass ihre Mutter leider im Spital ist und mich deshalb nicht treffen kann, ich kann aber gerne Fragen schicken und selbstverständlich wird sie mir einige Photos ihres Vaters Walter Taussig mailen. Eine schlechte und gute Nachricht.
Dann bringt der Tag am Weg zu Elissa eine Tour durch Greensboro – was eine sehr überschaubare Sache ist. Doch wird einmal mehr deutlich, wie unglaublich stolz die Amerikaner auf alles „Historische“ sind und dass Schlachtfelder aus dem Civil War eine fast schon kultische Bedeutung haben – jedes noch so kleine Haus, Wiesen und Felder werden patriotisch umgemünzt. Das kann leicht zu viel werden.
Meine geliebte Tony Bryk-Neumann, die fast 90-jährig in Washington lebt und mit der ich telephoniere, sagt nur: Oh Gott, dort wählen ja alle Trump, das ist der ärgste Bundesstaat nach Alabama. Und sie hat sicher recht, eine solche Dichte an amerikanischen Flaggen ist am Weg durch sehr gepflegte Straßen auffallend.
Zurück bei Elissa entschuldigt sie sich, dass sie gestern so unstrukturiert erzählt hat – was natürlich kein Problem war. Doch heute erzählt sie stringent und konzentriert aus Peters Leben – unglaublich diese Präzision mit 99 Jahren. Und was für herrliche Geschichten erfahre ich! Am Ende meint sie: Morgen erzähle ich Dir von Aron Copland, a nice jewish boy.
Zurück bei Cindy und Stephen bekomme ich ein typisches North Carolina Barbecue und bin erstaunt: Keine Riesensteaks, sondern zerkleinertes herrliches Schweinefleisch, ein undefinierbarer Getreidebrei mit Gemüse, alles in einen Burger verpackt, mit Fisolen. Sehr eigenartig, aber gut.
Neue Entwicklungen
In der Früh läutet gleich zweimal das Telephon für mich. Zum einen Renata Propper, 89-jährig, die ich am 4. Juli treffen will. Zum anderen George Halasz, Laszlos Sohn – Laszlo war der Begründer der New York City Opera und hatte einen ganz schrecklichen Ruf. He was ruthless, meint Elissa. Er war entsetzlich unsympathisch, meint Sissy Strauss. Wie auch immer, er ruft mich an und erklärt, er sei zwar gerade in Asien, aber hätte alle Schachteln seines Vaters durchgeschaut, doch wäre das alles viel zu viel und er würde es gern der Met schenken – das Wort Donation hat eine große Bedeutung. Ich verspreche ihm, mit Peter Clark, dem Archivar der Met, darüber zu sprechen. Und er schickt mir natürlich Bilder und alles weitere, was ich brauchen kann. Ich würde diese Schachteln zu gern selber durchstöbern, aber wann? Das Material fliegt mir nur so zu.
Den Vormittag verbringen wir im Archiv der Universität – ein ganzes Wagerl voller Archivalien steht vor mir. Peter Paul Fuchs‘ Nachlass ist seit 2009 in Archiv – und ich bin die Erste, die Einsicht nimmt. Und was finde ich hier alles! Fast 200 Seiten Autobiographisches aus Wien und später Amerika, unglaubliche und prachtvolle Photos etc etc. Ich photographiere wie verrückt und bekomme die Kompositionen, die nie aufgeführt wurden, gemailt. Stücke für Cello solo – ich glaube, die werde ich spielen, wenn ich wieder in Wien bin.
Währenddessen erreicht mich ein Mail von Elissas Schwiegersohn Arturo, der mich in seine Broadwayshow einlädt – sie ist bis 2019 ausverkauft… Ich sage gern für Donnerstag zu. http://www.comefromaway.com Bin sehr gespannt, ein nicht ganz einfaches Thema.
Um auf den Boden der Realität zurückzukommen, mache ich einen Abstecher ins Friendly Center – und kaufe für die Kinder ein: Make up mit Assistenz freundlichster Verkäuferinnen und Jeans. Es hat ca. 37 Grad – und es ist kein großes Gebäude mit vielen Geschäften, sondern eine echte Mall – muss also in der Affenhitze outdoor von Geschäft zu Geschäft marschieren. Sehr amerikanisch. Oder doch nicht. Die würden mit dem Auto fahren…
Und dann das unfassbare Highlight des Tages: Ich habe Elissa gesagt, dass ich heut gern ein Video machen möchte. Kein Problem, meint sie, aber dafür muss sie sich herrichten. Also gehen wir in ihr Apartment, sie schminkt sich mit Profihand, dann fragt sie, was ich eigentlich hören will. Peters Beziehung zu Wien, sage ich. Und es folgt ein 12-minütiges unfassbares Interview. Stringent, von Wien nach New York und weiter nach Baton Rouge, das das Leben als Pianist, Dirigent, Lehrer und Komponist umfasst und ohne Anstrengung ich die richtige Richtung lenkt. Das möchte ich mit 99 auch noch können. Meine Arme zittern schon, aber ich halte das Handy wacker in die Höhe. Allein schon wegen dieser Minuten hat sich die ganze Reise ausgezahlt.
Hier könnt Ihr das Interview anschauen:
https://www.dropbox.com/s/upowslmbey5mdxz/2018-07-02%2016.32.28.mp4?dl=0
Zurück zu Hause erwartet mich ein Mail von Donna Darden, der Witwe von George Medina, den wir vor zwei Jahren in New York besucht haben. Sie lädt mich zu Wein und Käse ein – genauso wie 2016. Das war ein legendärer Abend damals.
Was für eine unglaubliche Reise. Und sie ist noch lange nicht zu Ende.

Der letzte Tag in Greensboro. Und ein Einblick die Welt der Patrioten.
Auf dem Weg zu Elissa machen Cindy und ich einen Ausflug zu einem Museum, das nur so strotzt vor amerikanischem Nationalstolz. Und alles, was ich wiederum aus „Gilmore Girls“ über patriotische Museen weiß, wird plötzlich zur Wirklichkeit. Spieldokus zeigen Schlachten zwischen Engländern und Patrioten – und dieser krude Nationalstolz erscheint in einem so unglaublich naiven Licht. Da gibt es Uniformen und Artefakte, die in „großartigen archäologischen Grabungen“ gefunden wurden – rührend. Ein Pathos liegt über allem, das einem Europäer wirklich total fremd ist. Und die Stadt rüstet für den 4. Juli, alles voll Flaggen und Fahnen.
Zurück bei Elissa photographiere ich noch alle Dokumente aus Österreich inklusive Pass (ohne J) und diversen Arbeitsverträgen, leider keiner von der Volksoper. Der Abschied ist schwer – und ich plane, zu ihrem 100. Geburtstag im März wiederzukommen. Sie ist mir wirklich ans Herz gewachsen. Was für eine Dame, hier auch nur Madame Fuchs genannt. Zu Recht.
Auch Cindy ist in diesen wenigen Tagen eine großartige Kumpanin geworden, wir haben in so vielen Dingen dieselbe Sicht – die erste Trumpwählerin, die ich irgendwie verstehe. Denn sie hat nicht Trump, sondern die Republikaner gewählt. Es gibt also doch auch eine gebildete konservative Schicht und nicht nur hinterwäldlerische Farmer, vernachlässigte weiße Männer. Eine neue Erkenntnis, die einen aber auch ratlos zurücklässt. Denn dass Konservative in der Upper-middle-class zu finden sind, ist ja klar – doch die kommen in den Überlegungen, wer denn die Trump-Wähler sind, nie vor. Denn diese weltoffenere Schicht kann doch diese protektionistische Politik nicht mittragen. Die Sichten von außen und von innen spiegeln offenbar zwei Welten wieder.
Der Flughafen von Greensboro bietet einen Blick in die tiefste Provinz – und ich darf diesen Blick länger als geplant genießen, denn mein Flug ist drei Stunden verspätet – nicht weil hier so viel los ist, sondern weil der Flug aus Newark so verspätet ist. Und hier herrscht ein totales Chaos, Destinationen werden verwechselt, Fluggäste müssen das Flugzeug wieder verlassen, weil sie falsch geboardet wurden – herrlich. Eine plötzliche Eingebung sagt mir, dass ich vielleicht doch um ½ 6 ein Glaserl Wein trinken sollte – eine goldrichtige Entscheidung, denn um 6 schließt das einzige Restaurant…
Jetzt sitze ich also hier und beobachte das amerikanische Provinzpublikum – eine Erfahrung, die ich sonst nicht gemacht hätte…
Morgen melde ich mich aus New York – wird ein ruhiger Tag, denn alles steht still an einem federal holiday. Aber ich treffe Renata Propper, das freut mich sehr!
Abenteuer
Das hab ich jedenfalls geglaubt. Aber: Abenteuer passieren unerwartet. Mein Flug nach New York hat sich weiter verspätet, bis es mir zu bunt geworden ist – denn ich hatte keine Lust um 1 Uhr früh in Newark zu landen und dann allein durch Union City zu marschieren, um den Schlüssel für meine Wohnung zu organisieren. Also hab ich umgebucht auf morgen nachmittag. Und das hat unendlich viele Vorteile mit sich gebracht:
Ich kann ein 4th of July Picknick in North Carolina erleben.
Noch ein Forschungsabend mit Cindy.
Am wichtigsten: Mein Koffer war nach fünf Stunden am Flughanfen Greensboro völlig devastiert – Cindys Ausdruck war, als ob ein Gorilla darauf herumgetrampelt sei. Der Zipp war rundherum herausgerissen, der Koffer mit Klebeband notdürftig zusammengehalten. Er wäre niemals komplett in Newark angekommen. United hat mir sofort einen neuen Koffer gegeben, ehrlich gesagt viel besser als der alte, mit vier Rädern und Zwischenfächern. Es fehlt nix – also großes Glück!
Bin gespannt auf 4th of July im Kernland…!
Und ich werde nicht enttäuscht. Es beginnt damit, dass Cindy und ich in den patriotischen Farben angezogen sind: Blaue Bluse, roter Rock resp. Hose. Ich hab mich ganz schön rasch angepasst. Und hab zufällig die richtigen Anziehsachen mit… (Nach dem Öffnen des Klebebandes rund um den Koffer sind wir übrigens draufgekommen, dass alles schmutzig war – Cindy war rührend und hat meine komplette Wäsche gewaschen.)
Ihre Ururgroßmutter hat einen unfassbaren sogenannten Weird Quilt gemacht, die Details sind großartig und liebevoll gestaltet – was für eine Arbeit!
Und dann folgt wieder ein Ausflug in die Welt der Gilmore Girls (Ihr solltet das wirklich anschauen!) Die DAR (Daughters oft he American Revolution) ist Wirklichkeit. Auf mehreren Stoffstreifen prangen diverse Erinnerungsmedaillen – übrigens alle mit Magneten fixiert, was praktisch, aber auch sehr schwer ist. Das ist eine von Cindys Passionen – die vier querliegenden Wellen links unten symbolisieren „ihre“ Patriots. Mehr gibt es hier zu lesen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Daughters_of_the_American_Revolution
Eine konservative feministische Bewegung – sehr selbstbewußt. Interessant. Und wieder ein Gedankenanstoß wie so viele in diesen wenigen Tagen.
Wir fahren in die Seniorenresidenz von Cindys Mutter. Das allein ist ein eigenes Kapitel. Und was für Elisabeth. Ein Riesenterrain mit independent living, assistent living, health care. Dazu Rehab, Fitnesscenter, Memory Center, diverse Bibliotheken, Bars, Veranstaltungen – unglaublich. Viele übersiedeln bei gutem Wind in das independent living – ein eigenes Haus mit Garage und Garten. Und dann nehmen sie peu à peu die Angebote in Anspruch. Können in die nächste Betreuungsstufe übersiedeln parttime oder ganz, um so nach den eigenen Voraussetzungen das Leben gestalten. Bedingung ist, dass man gehend einzieht. Ein interessanter Aspekt. Alle spielen Bridge, singen im Chor, spielen Instrumente – ein echtes Vorbild für uns. https://www.well-spring.org/
Aber zurück zu 4th of July. Alle sind in blauweißrot angezogen, unfassbar. Manche auch mit Uncle Sam Hüten – man glaubt, das gibt es nur im Film. Embleme überall, Flaggen und Begeisterung. Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. So viel patriotischer Stolz ist uns wirklich total fremd. Und das Essen! Alle Klischees werden bedient. Picknick mit Hamburger und Hot Dog, Erdäpfelsalat und Fisolen, Applepie mit Eis und Jell-O Salad in den logischen Farben. Alles auf Plastiktellern. Dazu Wasser, Bier und Kaffee in Pappbechern, auf Papiertischtüchern serviert. Mein erster – sehr europäischer – Gedanke gilt den Massen an Müll. Aber das spielt hier nach wie vor keine Rolle. Nachhaltigkeit ist ein Fremdwort, auch in der hochpreisigen Seniorenresidenz.
Alle sind reizend zu mir – niemals verirrt sich jemand aus Europa hierher, ich bin eine echte Exotin!
Diesmal klappt mein Flug nach Newark, der Koffer bleibt auch unbeschädigt, Uber funktioniert, ich finde den Schlüssel und beziehe mein Apartment. Um die Ecke ist ein Liquor Shop geöffnet und hat auch kalten Rosés – ein Segen, denn es ist sehr heiß und die AC (habe gelernt, dass man das so für air condition sagt) braucht ein bißl, um runterzukühlen.
Morgen ist ein irrer Tag – ich versuche fünf Archive abzuklappern, um 5 zum Tee oder Wein zu erscheinen und um 7 am Broadway Arturos Show zu sehen – wird alles klappen – und weitere ungehobene Schätze hervorbringen.
Ich hab den irren Tag geschafft. Und die Anzahl der Archive auf drei reduziert. Am ergiebigsten war das Archiv der Met, das für Walter Taussig und Fritz Stiedry nicht nur alle Verträge, sondern auch Photos und Pressklippings aufbewahrt – eine großartige Quelle, die Einblick in viele Dimensionen gibt, vor allem auch in die Situation des unterschiedlichen Verdienstes und dessen Verbesserungsmöglichkeiten.
Das Archiv der Met ist spooky: Ein uralter buckliger Mann holt mich bei der Rezeption ab und führt mich hinunter in einen Raum voller Artefakte. Statuen, Photos – und unzählige Dokumente. Eine ältere Dame sitzt und sortiert Zeitungsartikel, eine jüngere Frau forscht für ein Buch über die 50er Jahre an der Met – wir drei trinken in der Kantine Tee, vorher darf ich noch aus dem Orchestergraben einen Blick in den Zuschauerraum werfen. Auf den Pulten liegen die Noten zu Richard Strauss‘ Ballett Schlagobers – so wienerisch!
Begonnen hat der Tag im Center for Jewish History. Und während ich auf die bestellten Materialien warte, schaue ich meine Listen durch. Bei Felix Galimir fällt mir plötzlich auf, dass er einen Neffen namens Richard Hurtig hat – jemandem mit einem so ausgefallenen Namen sollte man doch rasch finden. Dank sei dem Handy – ich finde ihn sofort und schreibe ein E-Mail. Acht Minuten später bekomme ich diese Antwort:
Dear Dr Arnbom,
I would be most happy to talk with you about both my uncle Felix and my mother Renee. They both left Vienna for Palestine before Anschluss. They were both hired by Bronislaw Huberman to be founding members of the Palestine Symphony Orchestra. I did a short little film about the Galimir Quartet that can be found on Youtube. And The Marlboro Music Festival recently created a page about Felix on their website.
I am in Marlboro Vermont for the summer, but will be away until next Tuesday. Let me know when it would be convenient to talk.
R
Richard Hurtig, Ph.D.
ASHA Fellow
Professor Emeritus
Director of the Assistive Devices Laboratory
Department of Communication Sciences & Disorders
The University of Iowa

Und hier der Link: https://www.youtube.com/watch?v=5jqr4bbENXw
Dazu gibt es gar nix zu sagen – Zufälle sind ausgeschlossenl
Nach der Met bin ich bei Donna Darden eingeladen, sie ist George Medinas Witwe, letztes Mal vor 1 ½ Jahren haben wir ihn noch getroffen. Während ich zu ihr fahre, fällt mir ein, dass sie aus North Carolina ist. Ich frage sie, wo sie Gesang studiert hat, und sie sagt: in Greensboro. Was für ein verrückter Zufall. Und natürlich sagt ihr der Name Peter Paul Fuchs was.
Ich verspreche ihr, bei der Sichtung von Georges Unterlagen und Lisl Weils Büchern zu helfen – wir werden wiederkommen, können bei ihr wohnen und alles durchschauen, um zu überlegen, welches Archiv geeignet wäre.
Dann geht es weiter auf den Broadway zu „Come from away“. Sehr interessant, musikalisch gut, großartig gemacht – eher ein Kammerspiel, keine aufwändigen Kulissen, reduziert auf das Wesentliche. Arturo Porazzi, Elissas Schwiegersohn und production manager, nimmt mich auch backstage mit, wir trinken noch ein Glas Wein und dann endet dieser so lange großartige Tag.
Der folgende Tag dient der Aufarbeitung, der Gedanken über all dies, was ich erleben durfte – eine große Dankbarkeit macht sich breit. Und die Gewissheit, dass ich unglaubliches Material zusammentragen durfte.

art & culture, history, sommerfrische

Neue Bücher. Der Attersee und die vertriebenen Künstler der Volksoper.

Das Buch über die vertriebenen Künstler der Volksoper macht mir zu schaffen. Am Anfang war meine Sorge, kein Material zu finden, nicht zu wissen, wie ich zu den Menschen komme. Über Besetzungszettel und das Bühnenjahrbuch hat sich jedoch rasch eine Gruppe an Menschen gefunden, die nun im Mittelpunkt stehen. Doch es ist nur eine willkürlich ausgewählte Gruppe als pars pro toto. Im Laufe der Recherche steigert sich die Beschämung, dass ich offenbar die erste Forscherin aus Österreich bin, die sich für deren Schicksal interessiert. 70 Jahre nach dem „Anschluss“. Und dass Dokumente en masse existieren – man muss die Quellen wahrlich nur von der Straße aufheben, sie liegen da und warten auf Interesse. Eine unglaublich traurige Situation.

Da gibt es das grauenhafte Schicksal der Sängerin Ada Hecht, dokumentiert durch ihre Briefe an ihren Sohn Manfred, der rechtzeitig nach Amerika flüchten konnte. Das Leo Baeck Institut hat die Briefe digitalisiert – 600 Seiten Verzweiflung, Panik, Todesangst und unendliche Liebe für den Sohn. Der berühmte und angesehene Direktor der Oper in San Francisco, Kurt Herbert Adler, ist wohl so manchem geläufig – doch wer hat die 1800 Seiten transkribierter Interviews mit ihm gelesen? Ein Gigant der Opernwelt. Peter Paul Fuchs, Assistent von Bernstein und angesehener Dirigent, stand im Mittelpunkt eines europäischen Musiker-Netzwerkes – und doch bin ich offenbar die Erste, die die 99-jährige Witwe interviewt. Sie ist glücklich und dankbar – und ich zutiefst beschämt. Ein aktuelles Photo von ihr zeigt eine unglaublich elegante, gestylte Erscheinung – eine bestens gealterte Primaballerina mit Stock an der Ballettstange. Was für ein Geschenk. Hans Holewa setzt gegen viele Widerstände die Zweite Wiener Schule in Schweden durch – und sein Sohn schickt mir Photos eines Charakterkopfes, für den sich bis jetzt in Österreich fast niemand interessiert hat. Ich kenne einen einzigen gebürtigen Guatemalteken – und sein Großvater bürgt für ein jüdisches Ehepaar aus Wien, deren Schwiegersohn Franz Ippisch einer der bedeutendsten Cellisten Österreichs war. So komme ich mit den Nachkommen in Kontakt – ein Zufall? Das glaube ich schon lange nicht mehr.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen – und zeigt, dass ich maßlos überfordert bin von all den Informationen, Materialien, Dokumenten, die vor meinen Augen wachsen. Allein in Wien finden sich Nachlässe, die wohl noch niemand genau studiert hat. Wer erinnert sich an Marco Frank? Man muss nur in die Wienbibliothek gehen, dort eröffnet sich sein ganzes Leben. Vielen von ihnen gelang die Flucht via Lissabon – was für ein merkwürdiger Umstand, dass ich gerade in dieser Phase mit einer Freundin für vier Tage dorthin reise und die Atmosphäre dieser Stadt empfinden darf.

Die Erwartungshaltung an dieses Buch ist enorm – und setzt mich nicht unter Druck, sondern gibt mir die Gewissheit, dass diese Forschung wichtig und richtig ist und dass auch 70 Jahre nach dem Einsetzen des Grauens ein gigantischer Aufholbedarf besteht. Auch wenn es Gegenwind gibt – aber den ignoriere ich leicht.

Dies alles mischt sich mit dem großen Interesse an meinem Attersee-Buch – fünf Buchpräsentation allein im Juni zeigen, dass mein Ansatz einen Nerv trifft. Und dass das Jüdische Museum eine eigene Präsentation macht, gibt den Menschen, die wie alle anderen auch den Sommer im Salzkammergut verbringen wollten und brutal vertrieben wurden, ihre Geschichte und ihre Würde zurück. Doch die Scham bleibt – es ist viel zu viel Zeit vergangen. Und es gibt unendlich viel zu tun.